frau-sein und mann-sein in beziehungen

Warum funktionieren manche Beziehungen und manche nicht, und was heißt eigentlich "funktionieren"?

 

Heißt dieses "Funktionieren", dass die Beteiligten immer freundlich zueinander sind und nie streiten? Oder dass sie viele Kinder, einen Hund, ein großes Haus und gesellschaftlichen Status haben? Oder dass eine Ehe 25 Jahre oder sogar 50 Jahre halten "muss"?

 

Oder heißt dieses "Funktionieren" auch, dass die Beteiligten zufrieden und glücklich miteinander sind? Dass der Sex schön ist und jeder sich gesehen, angenommen und geliebt fühlt? Oder dass die Beziehung Ihnen hilft sich selbst besser kennenzulernen, ehrlicher mit sich und anderen umzugehen, sich vieler alter Muster und Blockaden bewusst zu werden und zu Ihrem wahren Selbst zu erwachen? 

 

Vieles davon kann sich auch in einer sehr kurzen Beziehung offenbaren, daher kann auch eine sehr kurze Begegnung "funktionieren", während einige sehr langanhaltende Beziehungen sehr ungesund anmuten können. In unserer Arbeit mit Paaren zeigt sich, dass die glücklichsten Beziehungen die zu sein scheinen, in denen großer gegenseitiger Respekt herrscht sowie große Wertschätzung, Ehrlichkeit und echtes, nicht nur oberflächliches Interesse an sich wie am anderen. Weiters die Fähigkeit, freundlich, offen und mitfühlend zu kommunizieren sowie Entschlossenheit, von den Problemen, die im Laufe jeder Beziehung erscheinen, zu lernen und sich dabei vor allem und zuallererst selbst zu hinterfragen anstatt die Probleme dem Gegenüber in die Schuhe zu schieben. Kurzum: Beziehungen, in denen Wahrhaftigkeit und tiefes Interesse an den Sicht- und Lebensweisen des Gegenübers die hauptsächlichen Motive sind und wo echtes Interesse an konstruktiven Win-Win-Situationen statt an Macht- und Konkurrenzkämpfen herrscht. 

 

Verbindungen hingegen, die hauptsächlich dazu genutzt wurden, bewusst oder unbewusst etwas zu vermeiden, sogenannte “toxische oder traumatische Beziehungen” wirken auf uns im Paartherapie-Alltag eher schal und unlebendig, und manchmal sogar extrem stressgeladen, da die Partner dabei wie unbeteiligt nebeneinander her leben, vom Gegenüber die Erfüllung ihrer Bedürfnisse erwarteten, ja sogar einforderten anstatt sie zu erbitten, und deshalb ständig miteinander streiten oder einander gemäß ihrer Interessen und Erwartungen manipulieren, entwerten oder unterdrückten. Beziehungen werden dann bewusst oder unbewusst dazu genutzt, eine Art falschen Selbstwert aufzubauen und aufrechtzuerhalten, um auf keinen Fall wieder an die Traumata zu rühren, die er oder sie als Kind erfahren hat. Jeder versucht dann die Kontrolle über den anderen oder zumindest die Situation zu bekommen oder zu erhalten, um nur ja nicht erleben oder fühlen zu müssen, dass etwas mit ihm oder ihr nicht stimmt, dass dieser Mensch wieder in das (kindliche) Gefühl kommt vermeintlich wertlos oder ungeliebt zu sein, zu versagen, sich wieder so wie früher (als Kind) ungenügend, allein, nicht vollständig, machtlos, überfordert, bedürftig, ängstlich, verletzbar, zart, schwach, getrennt, nicht liebenswert und vieles mehr zu fühlen.

 

Mit anderen Worten, diese traumatisierten Beziehungstypen verlassen sich selbst gerade dann immer wieder, wenn sie sich selbst, ihre Selbstliebe und Aufmerksamkeit am meisten bräuchten. Stattdessen suchen sie sich Situationen und Menschen, die sie davor verschonen, all das wieder zu erleben, indem sie sich Beziehungspartner suchen, die sie überbehüten oder beschützen. Leider kann in solchen Beziehungen wenig wachsen, und das Wesentliche wird vermieden: sich den eigenen Themen, Schmerzen, Verletzungen, Fehlern und (Schuld-)Gefühlen zu stellen. In Beziehungen, wo wenig bis nie über Wesentliches geredet wird und die Beziehungspartner somit nicht an die Essenz des Schmerzes, aber dadurch auch nicht an die Essenz der Heilung gelangen wird viel ausgespart und vermieden. Und wer krampfhaft vermeidet, verlassen zu werden, verlässt sich dabei auf andere und fühlt sich deshalb auch verlassen und wird dann tatsächlich häufig auch genau deswegen verlassen. Denn solche Menschen ziehen andere hinunter und sie lieben nicht - weder sich selbst noch ihr Gegenüber.

 

Menschen, die (sich selbst) nicht lieben können, versuchen

  • eine Frau/einen Mann zu finden, die/der besonders schön, reich, beliebt oder mächtig ist, um sich selbst begehrt und attraktiv zu fühlen 
  • eine Beziehung entweder aufrechtzuerhalten oder zu vermeiden bzw. zu beenden, nur um sich nicht wieder alleine, verlassen, verletzlich, wert- oder machtlos zu fühlen
  • mit jemandem zu schlafen oder sonst irgendetwas zu unternehmen, nur um nicht alleine zu sein, auch wenn der Kontakt letztendlich unbefriedigend, hemmend oder sogar demütigend und missbräuchlich ist
  • Kommunikation sowie Kooperation zu verweigern aus Angst davor was geschieht, wenn du sie sich den Problemen, die anstehen, stellen und ehrlich hinsehen bzw. wenn sie dem Gegenüber zuhören und  die Ursachen ihrer Probleme erforschen oder nach konstruktiven Lösungen suchen

In unserer Arbeit als Paartherapeuten werden mangelnde SELBSTLIEBE, mangelndes SELBSTWERTGEFÜHL und mangelnde SELBSTFÜRSORGE dann deutlich sichtbar, wenn wir sehen, wie verzweifelt die Beteiligten reagieren, wenn die Beziehung bedroht zu sein scheint, da sie damit wieder auf all das zurückgeworfen würden, was sie so eifrig zu vermeiden versuchten, nämlich sich selbst, das Alleinsein, die eigenen Ängste und scheinbaren Unzulänglichkeiten, all die Gefühle wie Hilf- und Wertlosigkeit, Bodenlosigkeit, Leere oder Ausgeliefertsein. 

 

Denn das steckt hinter dieser Art von Beziehungen: Verzweiflung, tiefe Einsamkeit und Bedürftigkeit sowie Angst. Kurz gesagt die Gefühle eines zutiefst verlassenen, sich verloren fühlenden Menschen bzw. inneren Kindes. Und solange die Beteiligten nicht bereit sind, sich damit selbst anzunehmen, sich offen und verletzlich zu zeigen und zutiefst zu erkennen, dass dieses innere Kind schon ewig um Zuwendung und Raum bettelt und diesen auch braucht, werden all Ablenkungsmanöver nichts bringen. Sie werden immer hungrig bleiben, auf der Suche nach dem, was sie wirklich suchen. Und bleiben so (scheinbar) abhängig von der Zuwendung, Anerkennung und Bestätigung anderer - also meist des Partners/der Partnerin. 

 

Und bis die Beteiligten erkennen, dass das nicht "funktioniert", ja, nie funktioniert hat, so verzweifelt sie es sich auch einzureden versuchen. Denn ein Problem kann nur dort gelöst werden, wo es entstanden ist: in sich selbst. In anderen Worten: Ein Trauma löst heftige Gefühle von Hilflosigkeit, Angst, Schuld, Scham, Einsamkeit und Überwältigtsein in einem Kind aus. Es fühlt sich existentiell bedroht, zutiefst verlassen und auf eine sehr unfreundliche Art ausgeliefert - manchmal nur einmalig durch ein Schocktrauma, und manchmal unzählige Male im Laufe eines Lebens (Entwicklungstrauma). Das ist ein unglaublicher Stress für ein Kind, das sich noch nicht selbst regulieren kann und dafür die liebevolle Zuwendung seiner Eltern bräuchte. 

 

Um ein oder mehrere solcher Ereignisse zu überstehen, d. h. um mit den überwältigenden Gefühlen umzugehen, die damit einhergehen, muss das Kind sich dissoziieren, d. h. von sich selbst abtrennen. Und es bildet Glaubensstrukturen aus wie z. B. “Wenn ich einfach nur ich selbst bin, bin ich nicht genug. Ich muss jemand sein, der stark ist. Ich muss es alleine schaffen. Ich darf nicht zart, schwach, bedürftig und ängstlich sein oder mich verletzlich zeigen. Ich muss funktionieren und/oder mir die Zuwendung/Anerkennung meiner Mitmenschen verdienen, sonst sterbe ich oder eine Katastrophe geschieht. Ich muss beweisen, dass ich jemand bin, der Beachtung verdient.” usw. Diese Glaubenssätze sind häufig die der sie damals umgebenden Erwachsenen, meistens der Eltern. Man lernt am meisten von seiner Umgebung, was bzw. wer man sein "muss", um anerkannt, geliebt und liebenswert zu sein. Diese Kinder bilden eine Art falsche Identität oder Pseudo-Identität aus. 

 

Und da diese Überlebensstrategie für sie zu funktionieren schien, speicherte ihr Gehirn sie als überlebenswichtig ab und sobald eine Situation sie in irgendeiner Weise wieder an die Ursprungssituation erinnert, wird diese Überlebensstrategie, die damals absolut Sinn gemacht und ja auch geholfen hat, immer und immer wieder genutzt, auch wenn sie nun nicht mehr hilfreich und notwendig, sondern im Gegenteil sogar destruktiv ist, denn sie hält davon ab, konstruktivere und befriedigendere Wege zu finden, mit der aktuellen Situation erwachsen, reif und selbstverantwortlich umzugehen. Sie leben dann nicht in der Gegenwart, sind nicht offen für das, was wirklich geschieht, sondern reagieren mit der überforderten Verzweiflung eines verlassenen Kindes, obwohl sie schon längst erwachsen sind und über ganz andere Fähigkeiten und Ressourcen verfügen. Sie identifizieren sich weiterhin mit diesem Kind und sind auf der Suche nach der Mutter oder dem Vater im Außen (Partner, Freunde, Vorgesetzte etc.), um endlich zu bekommen, was sie damals nicht bekommen haben. 

 

Bis sie - vielleicht - entdecken, dass das nicht "funktioniert", einfach weil sie kein Kind mehr sind und ihr Gegenüber nicht ihre Mama oder ihr Papa ist. Dann wird es Zeit sich zuzugestehen, dass sie das, was sie sich am meisten von ihren Eltern gewünscht haben, nicht bekommen konnten, aus welchen Gründen auch immer. Und dass sie das auch nie wieder weder von den Eltern noch sonst jemandem bekommen werden und dass Partner:innen, Kinder, Freunde, Geschwister, Vorgesetzte und andere Menschen mit diesen Bedürfnissen auf Dauer überfordert sind. Was nicht heißt, dass man nicht manchmal mit einem solchen Bedürfnis offen und ehrlich auf seine Umgebung zugehen und um ihre Erfüllung bitten kann, jedoch in dem Bewusstsein, dass andere Menschen es nicht erfüllen müssen und dass es das Problem auch nicht langfristig löst, denn es kann sogar zutiefst heilsam sein, sich bewusst noch einmal so verletzlich zu fühlen und zu zeigen wie man es damals in der Situation gewesen ist. 

 

Es ist ein langer Weg bis man bereit ist, sich seinen schlimmsten Ängsten und all den traumatischen Gefühlen zu stellen, sie zuzulassen und dabei zu entdecken, dass das wahre Selbst nicht abhängig ist von irgendetwas oder irgendjemandem von außen. Und es kann sogar ein Abenteuer sein, die eigenen Überlebensstrategien und Trigger kennen zu lernen, ja, sich mit ihnen vertraut zu machen und sich selbst dann nicht mehr für ein paar Brotkrumen an Zuwendung von außen zu bemühen, sondern sich selbst immer tiefer kennen- und lieben zu lernen, um zu entdecken, was es wirklich bedeutet, dieses authentische eigene Selbst. Manchmal kann es auch hilfreich sein, und viele traumatisierte Menschen haben dies schon erfahren, eine Art Höhere Macht, eine göttliche Kraft oder ein Höheres Selbst zu erkennen, das einen bedingungslos liebt. 

 

Und dann heißt auch, die alten destruktiven Wege wie Streit, Sucht, Betrug, Lügen, Manipulation etc. zu verlassen, während es gilt neue, liebevollere zu finden, um das innere Kind und seine Gefühle zu halten und zu heilen und auf seine und damit auch auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Anders ausgedrückt: Den liebevollen, inneren Erwachsenen auszubilden, den Bezug zum Höheren Selbst zu aktivieren und immer tiefer das zu entdecken, was man wirklich ist. Dafür können Beziehungen sehr wohl dienen, wenn alle Beteiligten ein großes Interesse daran haben, hin- statt wegzusehen, jede Begegnung eine ehrliche, authentische, und auch verletzliche, zutiefst zarte sein darf, die es ermöglicht, sich selbst und damit dem Gegenüber wirklich nahe zu sein, sich der eigenen Überlebens- und Vermeidungsstrategien bewusst zu werden und sie dann liebevoll gehen zu lassen - immer und immer wieder.